Tödliches Aspik

Deutschland hat wiederholt Schwierigkeiten, auf außergewöhnliche Herausforderungen angemessen zu reagieren

Terrorismus, Wirtschaftskriminalität, Naturkatastrophen? Deutschland verwaltet lieber den Alltag – und verdrängt den Rest:

  • 9/11 – aus Hamburg heraus maßgeblich geplant und durchgeführt? Vergessen.

  • NSU? Erst durch Selbstmord und Bekennerschreiben nicht erkannt.

  • Cum-Ex-Skandal? Milliardensteuerbetrug jahrelang durch Behörden ignoriert.

  • Diesel-Betrug? Musste erst die USA aufdecken – und verschleppt hier.

  • Pandemie? Wird mit Faxgeräten und Arbeitsverweigerung (KMK) bekämpft.

  • Überschwemmungen? “Warninfrastruktur hat geklappt”

Das letzte Zitat stammt von Armin Schuster, Leiter des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe BBK. Der NRW-Innenminister Herbert Reul sieht “keine großen grundsätzlichen Probleme”. Das sehen die Hinterbliebenen der 163 Toten (Stand heute) gegebenenfalls anders.

Armin Schuster und Herbert Reul sind natürlich inkompetent. Doch unser Problem liegt nicht in einzelnen Personen. Es beschränkt sich auch nicht auf die aktuelle Hochwasserkatastrophe. Der Kommentar des Deutschen Wetterdienstes DWD “Wir haben getan, was zu tun war” gibt einen Hinweis:

Tätigkeitsnachweise statt Ergebnisse, Modellprojekte statt moonshot projects sind deutscher Standard. Sie sind Teil einer Kultur, die viel reguliert und wenig umsetzt, in der richtig gemacht ist, wenn Prozessen gefolgt wurde. Alles bleibt, wie es ist. Und sollte es doch Veränderung geben, dann unspürbar, unwirksam langsam.

Seit Jahren umschreibe ich diese bundesrepublikanische Präferenz für den Status quo mit “Republik in Aspik”. Das klingt lustig. Doch sie ist nicht nur haareraufend frustrierend. Sie kann tödlich sein.

Der erste Schritt zur Lösung ist anzuerkennen, dass es ein Problem gibt: Wir sind kein Land, das auf außergewöhnliche – oder auch nur halbwegs neue – Herausforderungen angemessen reagiert. Das gefährdet nicht nur Fortschritt, Wohlstand, Zukunftsfähigkeit. Sondern auch Sicherheit, Gemeinwohl, Demokratie.

Politiker und Institutionen, die dazu nicht in der Lage sind, sind offenbar ungeeignet. Armin Schuster und Herbert Reul sind in der CDU. Doch deutscher Konservatismus – die unbedingte Verteidigung des Status quo – ist nicht den Konservativen vorbehalten. Reflexhafte Relativierung, Verdrängung und performativen (Selbst-)betrug gibt es auch woanders. (Doch eine Haltung, den Staat als Erbhof zu betrachten, ist der Einsicht besonders abträglich.)

Eine britische Forscherin musste uns auf unseren Blinden Fleck aufmerksam machen. Bis Samstag war die Flut gleichzeitig gottgegeben und menschengemacht – und ganz schnell wurde darüber gesprochen, was künftig zu tun sei, als wären die Gefahren von Flächenversiegelung, Flußbegradigungen und Uferbefestigungen, Klimawandel gerade erst entdeckt worden. Und natürlich soll nun ganz “schnell und unbürokratisch” alles wieder gerichtet werden. Die Frage, wie wir, eine führende Industrienation, so komplett unvorbereitet sein konnten, stellte erst Hannah Cloke.

Erkennen wir das Problem an: wir verwalten unseren Alltag bis zur Beschäftigungstherapie. Wir vermeiden, verlangsamen und verwässern Veränderungen bis zur Unwirksamkeit. Wir ertragen stoisch technischen Rückstand und verdrängen staatliches Versagen, notfalls bis zum Tod.

Nichts davon muss so sein oder so bleiben, im Gegenteil: wir haben Großartiges geleistet und Sensationelles geschaffen. Wir leben in einer offenen Gesellschaft, mit guter Ausbildung, ungebrochenem Erfindungsgeist, reicher Kultur und in Wohlstand. Wir haben bessere Voraussetzungen als die meisten. Nutzen wir sie.

Es ist ein altes Menschheitsversprechen: unsere Kinder sollen einmal besser haben als wir. Dieses Versprechen wurde wieder und wieder eingelöst. Nicht, indem wir mit dem Status quo zufrieden waren, sondern indem wir das Potential einer besseren Zukunft höher bewerteten als die Bequemlichkeit von heute.

Sicherheit bedeutet nicht Status quo. Sicherheit bedeutet Herausforderungen meistern, nicht zur Katastrophe werden lassen. Wenn wir die Augen öffnen, den Aspik abschütteln, den Aufbruch wagen, mit Mut, Tatendrang und Ungeduld, dann ist die Zukunft unser.